Baukultur Wien




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Baukultur Wien 06.11.2014 Martina Powell*

"Wir müssen das Sehen wieder lernen"


Eine Stadt entdeckt man am besten zu Fuß, sagt Sibylle Bader. Die Kuratorin des Projekts "Alltägliche Wege" erklärt im Interview, warum wir durch das Gehen unsere Umwelt unmittelbarer und bewusster wahrnehmen können. 


Frau Bader, Sie sind Kuratorin der Alltäglichen Wege durch fünf Wiener Grätzl. Was soll den Teilnehmern während der ein- bis zweistündigen Rundgänge vermittelt werden?   

Die Alltäglichen Wege sind Bestandteil der Ausstellung Baukultur Wien. Denk deine Stadt anders. Baukultur lässt sich am besten vor Ort erfahren. Deshalb haben wir Formate erarbeitet, die es ermöglichen, eigenständig eine bestimmte Gegend näher zu erkunden und dabei Alltägliches, Wissenswertes und weniger Bekanntes zu erfahren. Diese Rundgänge richten sich nicht an Expert_innen, sondern an alle Stadtnutzer_innen.   

Wie sieht konkret ein Rundgang aus?   

Um das Eintauchen zu erleichtern, begleiten wir bei jeder Tour eine/einen andereN Progtagonist_in, die jeweils in Favoriten, in Kagran, im Stuwerviertel, in Meidling oder in Wien Mitte einen Lebensmittelpunkt haben. Wir besuchen mit ihnen Orte und Gebäude, die sie in ihrem Alltag benutzen. Eine persönliche Geschichte der Protagonist_innen verbindet sich also mit sachlichen Informationen.   

Was waren Auswahlkriterien für die Orte, die man erkunden kann?   

Einerseits sollten sich die Orte zu einer für die Protagonist_innen plausiblen Tour gestalten, die in ca. eineinhalb Stunden zu Fuß bewältigbar ist und andererseits eine Mischung aus Alltäglichem und Besonderem sein. Diese Protagonist_innen finden sich in der Ausstellung wieder. Außerdem habe ich darauf geachtet, dass die baukulturellen Leitsätze, die ja Grundlage der Ausstellung sind, berücksichtigt werden bzw. dazu Beispiele zu zeigen. So werden ganz nebenbei Themen wie Nachhaltigkeit, Lebensqualität, qualitätsorientierte Prozesse und Bewusstseinsbildung für die gebaute Umwelt behandelt.   

Haben Sie selbst bei der Recherche oder den Rundgängen Orte neu entdeckt?   

Ich muss gestehen, ich war schon vorher leidenschaftliche (Wahl-)Wienerin. Bei meiner Recherche zu den Alltäglichen Wegen vor Ort wurde dies noch mehr gefestigt. Bei jeder Tour entdeckte ich Plätze, Orte, Gebäude und Situationen, die mich begeisterten. Ich habe viele neue Lieblingsplätze gefunden. So habe ich mit Stadtgärtner_innen gesprochen, Pensionist_innen an der Café-Ecke, mit Angestellten der Gartenbauschule oder mit Jugendlichen am Skateplatz. Durch deren Eindrücke ihrer Stadt konnte ich mein Bild von Wien erweitern und auch feststellen, dass die meisten Bewohner_innen ebenfalls begeistert von ihrer Stadt und ihrem Grätzl sind. Mit den O-Tönen, die in der Ausstellung die Miniaturen sprechen lassen, konnte ich direkt diese gesammelten Eindrücke weitergeben. Der prägnanteste dieser O-Töne ist wohl "Das gibt's nur in Wien!".   

Sie veranstalten im Rahmen des Vereins Wanderklasse auch Touren für Kinder und Jugendliche, um deren Bewusstsein für die Umwelt zu wecken. Wie kann man (jungen) Menschen den urbanen Raum näher bringen?   

Ganz einfach: rausgehen und hinschauen! Wir müssen nur das Sehen wieder lernen. Es stellt sich die Frage, welches Ziel verfolgt werden soll mit der Vermittlung. Mein Zugang ist die Vorbereitung auf die Teilhabe am gemeinsamen öffentlichen Raum, eine Schärfung der Kritikfähigkeit bereits bei den jungen Menschen. Sie sollen wissen, dass alle ein Recht auf Nutzung und Berücksichtigung ihrer Ansprüche an die gebaute Umwelt haben, im Speziellen Jugendliche. Es geht mir nicht um die Heranziehung von Architektur-Expert_innen!   

Mit welchen Methoden erreicht man junge Menschen?   

Ich arbeite dabei sehr gerne mit Rollenspielen, ähnlich zu den Protagonist_innen der Ausstellung. Wenn die Kids etwa einen Platz unter die Lupe nehmen sollen, hilft es, wenn sie sich in die Rolle etwa eines Pensionisten, einer Touristin oder eines Alleinerziehers mit einem Kinderwagen versetzten sollen, nicht zuletzt natürlich in ihre eigene Rolle. Dabei wird nicht nur Verständnis für andere Stadtnutzer_innen geweckt, junge Menschen lernen dabei auch sehr gut, eigene Ansprüche zu erkennen und zu artikulieren.   

Was bringt das Erkunden zu Fuß für einen persönlich? Außer, dass man sich vielleicht in der Stadt besser zurecht findet?   

Zu Fuß unterwegs sein bedeutet, auch stehenbleiben zu können, improvisieren zu können und die Nutzbarkeit, auf lustvolle und nachhaltige Art, unmittelbar austesten zu können. Wir können direkt vor Ort und ohne Beschönigungen die tatsächliche Lage mit all ihren Vor- und Nachteilen untersuchen und kritisieren. Alle können die Situation am eigenen Leib erfahren, riechen, hören und sehen.   

Und was bringt es einer Gesellschaft, wenn mehr Menschen zu Fuß die Stadt erkunden?

Abgesehen vom ökologischen und gesundheitlichen Standpunkt? Zu Fuß erfahren wir unsere Umwelt viel unmittelbarer und bewusster, wir nehmen dadurch automatisch mehr Anteil an ihr und sind auch rücksichtsvoller im Umgang mit öffentlichem Raum. Er verliert an Anonymität und gewinnt an Lebens-Qualität. Wer zu Fuß geht, der entdeckt auch schon mal Orte und Dinge, die unerwartet und überraschend sind – positiv wie negativ. Wer hat nicht schon mal ein nettes Café oder eine Boutique beim Spazierengehen abseits der eingefahrenen Wege gefunden? Beim den Alltäglichen Wegen ist dies ebenfalls berücksichtigt. Es werden keine Routen vorgegeben, sondern lediglich die Stationen im Plan und als Text beschrieben. Die Wege soll sich jede und jeder selbst suchen und dabei hoffentlich neue, spannende Dinge entdecken. 






Schlagworte: Interview,Alltägliche Wege,Exkursion,Stadt Wien

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Denk Deine Stadt anders

Themenblog • Online seit 17.09.2014

THEMEN


Eröffnung: 17. September 2014 um 17 Uhr
Dauer: 19. Dezember 2014
Ort: Wiener Planungswerkstatt
Friedrich-Schmidt-Platz 9
1010 Wien

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch und Freitag von 9 bis 16 Uhr,
Donnerstag von 9 bis 19 Uhr, Samstag,
Sonn- und Feiertag geschlossen

KuratorInnenteam

Volker Dienst, Barbara Feller, Antje Lehn, Robert Temel

Ausstellungsarchitektur
miss_vdr architektur und heri&salli

Ausstellungsgestaltung und Grafik
zunder zwo

Vermittlungskonzepte
Sibylle Bader, Wanderklasse – Verein für BauKulturVermittlung
Sabine Gstöttner, inspirin
Theresia Frass und Nikola Winkler, Raumschule

Ausstellungssatelliten und Konzept Fotowettbewerb
feld72, nonconform, inspirin

Dokumentation und redaktionelle Begleitung
Manuela Hötzl, REDAKTIONSBUERO ARCHITEKTUR

Illustration
Fraukes Welt

Fotografie
Christian Fürthner, Hertha Hurnaus Sibylle Bader, Theresia Frass, Nikola Winkler

Projektbegleitung
Andrea Kreppenhofer, Michael Diem (MA 19)
Gabriele Berauschek, Barbara Triska (MA 18)

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